Selberlesen oder Verschenken - dazu einige Tipps von uns.
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Sweetest Fruits Monique Truong

Drei Frauen erzählen von ein und demselben Mann: es ist Lafcadio Hearn (1850 – 1904 ), ein Reporter und Schriftsteller, der in vielen Ländern unterwegs war. Ein ruheloser und bindungsscheuer Geist, der schließlich in Japan seine Wahlheimat fand und zum vielbeachteten Kenner der vormodernen japanischen Kultur wurde.
Wir hören von Rosa, seiner griechischen Mutter, die ihrem Mann, einem britischen Arzt nach Irland folgt, wo sie es nicht lange aushält und ihren Sohn verlässt, als er zwei Jahre alt ist. Von Alethea, seiner ersten Frau, die er in Cincinnati kennenlernt. Sie ist Köchin in der Pension, in der er untergekommen ist, eine freigelassene Sklavin und Analphabetin. Und schließlich von seiner zweiten Frau, Setsu, die aus einer vornehmen, aber völlig verarmten Samuraifamilie stammt. Alle drei erzählen von der Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit und zugleich von unüberwindbarer Fremdheit. Sprachlich virtuos gibt Monique Truong jeder Frau, entsprechend ihrer Herkunft, eine ganz eigene Stimme, mit der sie nicht nur von Lafcadio erzählen, sondern vor allem von sich selbst. C.H. Beck 2020

Was Nina wusste David Grossman

Nina lebt am Ende der Welt und vermeidet den Kontakt zu ihrer Mutter Vera, die in demselben Kibbuz lebt wie ihr Ex-Mann Rafi. Auch von ihrer Tochter Gili will sie nichts wissen. Doch an Veras 90.Geburtstag treffen sich alle, und Gili, die seit langem unter den Geheimnissen leidet, die die Familie belasten, schlägt eine gemeinsame Reise zur kroatischen Gefängnisinsel Goli Otok vor. Dort war Vera nach dem Krieg als politische Gefangene unter Tito inhaftiert. Eine verstörende Geschichte kommt auf dieser Reise zutage; ihre geliebte Großmutter hatte damals als politische Aktivistin eine verhängnisvolle Entscheidung gefällt, die Nina jeden Halt im Leben verlieren ließ. Ihre eigenen Lebensprobleme sieht Gili dadurch in einem neuen Licht. David Grossman erzählt in diesem beeindruckenden Roman von einem transgenerationellen Trauma, das auf einer wahren Geschichte beruht und den Leser / die Leserin lange nicht loslässt. Hanser 2020

Writers & Lovers Lily King

Als ihre Mutter plötzlich stirbt und ihr Freund sie aus heiterem Himmel verlässt, verliert Casey den Boden unter den Füßen. Ohne einen richtigen Plan und durch ihr Studium hochverschuldet, schlägt sie sich in Boston als Kellnerin durch. Nur eines steht fest: sie will unbedingt Schriftstellerin werden. An ihrem ersten Roman arbeitet sie allerdings schon seit sechs Jahren und die Selbstzweifel mehren sich. Außerdem kämpft sie nicht nur mit dem Schreiben, sondern auch mit der Liebe zu zwei ganz unterschiedlichen Männern, die aber vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Schließlich kommt der psychische Absturz. Aber das ist nicht das Ende… Lily King beschreibt in ihrem autobiographisch gefärbten Roman mit Humor und Empathie die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau, die sich trotz vieler Widrigkeiten nicht von ihrem Lebenstraum abbringen lässt. C.H.Beck 2020

Die verschwindende Hälfte Brit Bennett

Die Zwillinge Stella und Desiree wachsen in den 50er-Jahren in dem kleinen Ort Mallard in Lousiana auf. Die Bewohner sind hellhäutige Schwarze. Denn über Generationen hinweg wurde immer möglichst hellhäutig geheiratet. Mit sechzehn flüchten die Zwillinge aus ihrem ärmlichen Elternhaus nach New Orleans und halten sich mit einfachen Jobs über Wasser, bis Stella sich eines Tages als Weiße ausgibt, um eine Sekretärinnen-Stelle zu bekommen. Fortan verlaufen die Lebenswege der beiden getrennt: Stella heiratet ihren weißen Chef, der nichts von ihrer Herkunft ahnt. Sie verschwindet spurlos. Desiree heiratet den dunkelsten Mann, den sie finden kann. Als ihre beiden Töchter, die eine weiß, die andere schwarz, sich zufällig kennenlernen und herausfinden, dass sie verwandt sind, kommt es nach vielen Jahren zu einem Wiedersehen ihrer Mütter. Brit Bennetts Roman ist spannend erzählt und ein leidenschaftliches Plädoyer für Vielfalt und Akzeptanz, nicht nur in Sachen Hautfarbe. Rowohlt 2020

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise Jean-Paul Dubois

Warum sitzt ein unauffälliger Mensch wie Paul Hansen im maroden Gefängnis von Montréal? Der in Frankreich aufgewachsene Sohn eines dänischen Pastors und einer Kinobesitzerin hatte schon einiges hinter sich, bevor er seine Berufung als Hausmeister in einer exklusiven Wohnanlage in Kanada fand. Ein Vierteljahrhundert lang lief alles rund, von der Heizungsanlage bis zum sozialen Miteinander, bis eines Tage ein neuer Verwalter das Sagen hatte. Er machte Paul das Leben zur Hölle und eines Tages brannte bei ihm die Sicherung durch.... Nun erträgt er mit stoischer Ruhe seinen Zellengenossen Patrick, einen furchteinflößenden Hells-Angels-Biker, der jedoch beim Anblick einer Maus in Panik gerät. Dabei lässt er sein Leben Revue passieren. Dubois hat einen melancholischen, lebensklugen und komischen Roman geschrieben, für den er 2019 den Prix Goncourt erhielt – ein großes Lesevergnügen! dtv 2020

Luftgänger Jewgeni Wodolaskin

2019 ist der Roman des 1964 geborenen russischen Schriftstellers Wodolaskin erschienen, der zu wenig Beachtung fand. Deshalb soll er hier empfohlen werden:
Ein Mann erwacht in einer Klinik, sorgsam von einem Arzt und einer Krankenschwester betreut. Er war in den 30er Jahren auf einer Gulag-Insel als Experiment eingefroren worden. Jetzt, Jahrzehnte später, ist er der erste Mensch, an dem das Auftauen gelungen ist. Schritt für Schritt findet er seine Identität wieder – oder nur seine Geschichte? Er ist so alt, wie das Jahrhundert, hat aber ca. 60 Jahre „geschlafen“. Wie kommt ihm die Vergangenheit im Vergleich zum heutigen Leben vor? Was ist für ihn „die Zeit“?
Es sind existentielle Fragen, es ist ein kurzer Gang durch das russische 20. Jahrhundert, es ist auch eine Liebesgeschichte. Und all das beinahe traumwandlerisch leicht und mit Poesie erzählt, ohne Kitsch und ohne Klamauk. Ein tolles Buch. Aufbau Verlag 2019

Jenseits der Erwartungen Richard Russo

Lincoln, Teddy und Mickey waren auf dem College eng befreundet. Nun treffen sie sich nach vielen Jahren wieder, auf der Insel Marthas Vineyard, wo Lincoln ein Ferienhaus besitzt. Sie tauschen sich über ihre unterschiedlichen Lebenswege aus: Lincoln ist Immobilienmakler geworden und hat als einziger eine Familie gegründet, Teddy ist Kleinverleger für religiöse Schriften und Mickey tourt als Musiker durch die Gegend. Schließlich kreisen die Gespräche um eine ganz bestimmte Erinnerung: Vor 44 Jahren waren sie schon einmal hier, gemeinsam mit Jacey, einer hinreißenden jungen Frau, in die alle drei verliebt waren. Doch nach jenem Wochenende war Jacey für immer spurlos verschwunden und alle Nachforschungen vergeblich. Was ist damals passiert? Mißtrauen schleicht sich ein: Weiß einer von den dreien vielleicht mehr als er zugibt?
Der Pulitzerpreisträger Richard Russo zeigt sich auch in seinem neuen Roman wieder als großer Erzähler und Menschenkenner. Voller Sympathie folgt man den Lebensgeschichten der drei Freunde, die sich oft genug „jenseits der Erwartungen“ entwickelt haben. DuMont 2020

Serpentinen Bov Bjerg

Ein Mann macht mit seinem 7-jährigen Sohn eine Reise zu den Orten seiner Kindheit. Der Junge genießt es, in Serpentinen über die Schwäbische Alb zu fahren; er ahnt nicht, was in seinem Vater vorgeht, dass es ein Ausflug ist, bei dem es um Leben und Tod geht. Der Ich-Erzähler hat sein ganzes Leben lang gegen ein Familienverhängnis angekämpft: Vater, Großvater und Urgroßvater haben sich umgebracht, nun hat auch ihn die Depression fest im Griff. In inneren „Serpentinen“ reist er durch Kindheit und Familiengeschichte, beide geprägt vom autoritären Erbe der Nazi-Vergangenheit und von der Sprachlosigkeit des „Familienblala“. Er will kein „Scheißvater“ sein wie sein eigener Vater, sieht keinen Ausweg und fasst einen düsteren Vorsatz.
In kurzen, staccatohaften und sehr eindringlich geschriebenen Passagen, die nach und nach einen ungeheuren Sog entwickeln, erzählt Bov Bjerg von einem bedrückenden familiären Erbe. Und sehr glaubwürdig auch davon, wie man ihm schließlich doch entkommen kann. Claassen 2020

West Carys Davies

Pennsylvania 1815. Cy Bellmann lebt mit seiner 10-jährigen Tochter Bess recht ärmlich von seiner Maultierzucht auf einer abgelegenen kleinen Farm. Da liest er eines Tages in der Zeitung von einem unglaublichen Fund in Kentucky: es handelt sich um riesige Tierknochen längst ausgestorbener Tiere. Cy ist überzeugt, dass diese Tiere noch leben und will sie unbedingt in der Wildnis finden – ein verrücktes Unterfangen, für das er alles auf‘s Spiel setzt. Er gibt seine Tochter in die Obhut seiner Schwester und reitet quer durch den Kontinent nach Westen. Ein junger Indianer, der traumatische Erfahrungen mit weißen Siedlern hinter sich hat, führt ihn den Missouri entlang. Kann er ihm trauen? Und wie geht es mit Bess weiter, die unter ihrer unfreundlichen Tante leidet und als einzige an das Vorhaben ihres Vaters glaubt?
Carys Davies erzählt eine verrückte Abenteuergeschichte; knapp, spannend und zugleich voller Poesie – mit einem furiosen Finale. Unbedingt lesenswert! Luchterhand 2019

Die langen Abende Elizabeth Strout

In der kleinen Stadt Crossby an der Küste von Maine lebt seit langem Olive Kitteridge, eine pensionierte Lehrerin, den Lesern von „Mit Blick aufs Meer“ bereits bekannt als scharfzüngiges Original. Sie sagt gerne unverblümt ihre Meinung und ist deshalb nicht bei allen beliebt. Inzwischen ist sie siebzig Jahre alt, fettleibig, verwitwet und ziemlich einsam. Genau wie Jack Kennison, ein ehemaliger Harvardprofessor, der beharrlich um sie wirbt. Es entwickelt sich nun aber keineswegs eine gefühlvolle Alters-Love-Story, sondern ein ziemlich pragmatisches, auch konfliktträchtiges und durchaus komisches Zusammenhalten angesichts von Einsamkeit, nachlassenden Kräften und der Furcht vor dem Sterben. Unsentimental und zugleich voller Verständnis erzählt Elizabeth Strout in ihrem episodischen Roman außerdem von einigen anderen Einwohnern von Crossby. Es sind unsichtbare familiäre Dramen, unvergessliche Geschichten, die bei aller Tragik zeigen, dass neue überraschende Erfahrungen immer wieder möglich sind – bis zuletzt. Luchterhand 2020

Klara vergessen Isabelle Autissier

Murmansk, nördlich des Polarkreises. Juri, ein amerikanischer Ornithologe, ist nach Jahrzehnten zum ersten Mal an seinen Geburtsort zurückgekehrt um seinen sterbenden Vater, Rubin, zu besuchen. Dieser hat einen Auftrag für ihn: Er soll herausfinden, was mit Rubins Mutter Klara, einer angesehenen Geologin, geschehen ist, die in der stalinistischen Ära kurz nach Kriegsende plötzlich verhaftet wurde und spurlos verschwand. Rubin war damals erst vier Jahre alt, über die Mutter durfte nie mehr gesprochen werden. Nur widerwillig beginnt Juri mit der Recherche: zu verhasst ist ihm der gewalttätige Vater, der ihm die Kindheit zur Hölle gemacht hat. Und von seiner Großmutter hat er nie gehört. Doch dann packt es ihn: die Spuren führen ihn durch verschiedene Archive und schließlich auf eine unwirtliche Insel im hohen Norden. Und ihm wird klar, wie eng alle drei Schicksale – Rubins, Klaras und sein eigenes – miteinander verflochten sind.
Mit großer Sachkenntnis und rauhem Realismus erzählt Isabelle Autissier eine verstörende Familiengeschichte, in der persönliches Versagen und der Schrecken des politischen Terrors nicht voneinander zu trennen sind. Mare 2020

Hier sind Löwen Katerina Poladjan

Die deutsche Buchrestauratorin Helen verbringt einige Wochen in Jerewan um eine alte armenische Familienbibel zu restaurieren. Außerdem soll sie auf Wunsch ihrer Mutter nach etwaigen armenischen Verwandten suchen. Rasch lebt sie sich ein, findet Freunde und beginnt eine komplizierte Affäre mit dem Sohn ihrer Chefin. Sie ist zunehmend fasziniert von einigen rätselhaften Kritzeleien und Ortsangaben in der alten Bibel und taucht tief ein in eine Geschichte von Verfolgung und Exil, die offenbar auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu tun hat. Katerina Polodjan, selbst Urenkelin eines Armeniers, erzählt in einer klaren und schönen Sprache ungemein lebendig und facettenreich von einer jungen Frau, die merkt, dass die leidvolle Geschichte ihrer Vorfahren bis in ihr eigenes Leben nachhallt. „Hier sind Löwen“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Fischer 2019

Ein feiner Typ Willy Vlautin

Der junge Horace, ein Halbindianer, der einen schlechten Start ins Leben hatte, hat Glück gehabt: seit einigen Jahren lebt und arbeitet er auf der Farm von Mr. Reese. Der ist ein grundgütiger alter Mann und behandelt ihn wie seinen Sohn. Dieser soll sogar später die Farm übernehmen. Doch Horace will hoch hinaus: Er will unbedingt Boxchampion werden und es allen zeigen. Mr. Reese lässt ihn schweren Herzens ziehen und Horace verspricht, eines Tages zurückzukehren. Unter harten Bedingungen kämpft er sich durch. Erfolg wechselt mit Niederlage – wird er es schaffen? Mr. Reese telephoniert gelegentlich mit ihm, doch irgendwann ist Horace spurlos verschwunden. Beunruhigt macht sich Mr.Reese auf die Suche.
Der amerikanische Traum, alles erreichen zu können, wenn man nur will, entwickelt sich in diesem großartigen und berührenden Roman zum Alptraum. Dass er trotzdem nicht deprimierend wirkt, liegt an dem unvergesslichen Mr.Reese, wirklich ein „feiner Typ“! Berlin 2019

Der Zopf meiner Großmutter Alina Bronsky

Diese Großmutter hat es in sich! In Russland soll sie eine gefeierte Tänzerin gewesen sein, jetzt lebt sie mit ihrem Mann und dem Enkel Max in einem Flüchtlingsheim in Deutschland. Dort hat sie Mann und Enkel fest im Griff. Vor allem will sie Max vor den schädlichen Einflüssen der neuen Heimat beschützen: vor ungesunden Nahrungsmitteln, vor dem deutschen Schulsystem, vor gefährlichen Betätigungen und dem eigenen Vater. Nur den Klavierunterricht erlaubt sie, doch die Klavierlehrerin ist nicht so harmlos wie es scheint. Fast könnte die Matriarchin ins Wanken geraten... Die ganze Geschichte wird aus der Sicht von Max erzählt, der sich erstaunlich robust durch den Irrsinn der Erwachsenen hindurchlaviert.
Alina Bronsky, selbst in den Neunzigerjahren aus Russland eingewandert, erzählt furios und mit bösem Witz von eigenwilligen und zugleich liebenswerten Charakteren, deren Leben nicht ohne Tragik ist. Kiepenheuer und Witsch 2019

Die kommenden Jahre Norbert Gstrein

Richard, ein Glaziologe, erforscht das Schwinden der Gletscher und ist beruflich viel unterwegs, seine Frau Natascha ist Schriftstellerin und mehr an menschlichen Angelegenheiten interessiert. Die beiden haben sich über die Jahre auseinandergelebt und nur noch wenig gemeinsam. Das wird deutlich, als Natascha trotz Richards Bedenken ihr abgelegenes Ferienhaus nahe Hamburg einer syrischen Flüchtlingsfamilie überlässt und dies auch öffentlichkeitswirksam in einem Video festhalten lässt. Es kommt zu fremdenfeindlichen und bedrohlichen Aktionen gegenüber den Syrern, was bei Natascha zu einem übertriebenen und schließlich verhängnisvollen Schutzverhalten führt, während Richard zunehmend Mißtrauen gegenüber dem syrischen Familienvater entwickelt. Ist er überhaupt, was er zu sein vorgibt? Norbert Gstrein, der in seinen Romanen häufig aktuelle Themen bearbeitet, fragt skeptisch nach den inneren Beweggründen unseres Verhaltens. Humanitärer Eifer oder Nichtstun – was treibt uns an? Ein sehr lesenswerter Beitrag in einer oft überhitzten Debatte. Hanser 2018

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