Selberlesen oder Verschenken - dazu einige Tipps von uns.
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Was Nina wusste David Grossman

Nina lebt am Ende der Welt und vermeidet den Kontakt zu ihrer Mutter Vera, die in demselben Kibbuz lebt wie ihr Ex-Mann Rafi. Auch von ihrer Tochter Gili will sie nichts wissen. Doch an Veras 90.Geburtstag treffen sich alle, und Gili, die seit langem unter den Geheimnissen leidet, die die Familie belasten, schlägt eine gemeinsame Reise zur kroatischen Gefängnisinsel Goli Otok vor. Dort war Vera nach dem Krieg als politische Gefangene unter Tito inhaftiert. Eine verstörende Geschichte kommt auf dieser Reise zutage; ihre geliebte Großmutter hatte damals als politische Aktivistin eine verhängnisvolle Entscheidung gefällt, die Nina jeden Halt im Leben verlieren ließ. Ihre eigenen Lebensprobleme sieht Gili dadurch in einem neuen Licht. David Grossman erzählt in diesem beeindruckenden Roman von einem transgenerationellen Trauma, das auf einer wahren Geschichte beruht und den Leser / die Leserin lange nicht loslässt. Hanser 2020

Writers & Lovers Lily King

Als ihre Mutter plötzlich stirbt und ihr Freund sie aus heiterem Himmel verlässt, verliert Casey den Boden unter den Füßen. Ohne einen richtigen Plan und durch ihr Studium hochverschuldet, schlägt sie sich in Boston als Kellnerin durch. Nur eines steht fest: sie will unbedingt Schriftstellerin werden. An ihrem ersten Roman arbeitet sie allerdings schon seit sechs Jahren und die Selbstzweifel mehren sich. Außerdem kämpft sie nicht nur mit dem Schreiben, sondern auch mit der Liebe zu zwei ganz unterschiedlichen Männern, die aber vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Schließlich kommt der psychische Absturz. Aber das ist nicht das Ende… Lily King beschreibt in ihrem autobiographisch gefärbten Roman mit Humor und Empathie die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau, die sich trotz vieler Widrigkeiten nicht von ihrem Lebenstraum abbringen lässt. C.H.Beck 2020

Die verschwindende Hälfte Brit Bennett

Die Zwillinge Stella und Desiree wachsen in den 50er-Jahren in dem kleinen Ort Mallard in Lousiana auf. Die Bewohner sind hellhäutige Schwarze. Denn über Generationen hinweg wurde immer möglichst hellhäutig geheiratet. Mit sechzehn flüchten die Zwillinge aus ihrem ärmlichen Elternhaus nach New Orleans und halten sich mit einfachen Jobs über Wasser, bis Stella sich eines Tages als Weiße ausgibt, um eine Sekretärinnen-Stelle zu bekommen. Fortan verlaufen die Lebenswege der beiden getrennt: Stella heiratet ihren weißen Chef, der nichts von ihrer Herkunft ahnt. Sie verschwindet spurlos. Desiree heiratet den dunkelsten Mann, den sie finden kann. Als ihre beiden Töchter, die eine weiß, die andere schwarz, sich zufällig kennenlernen und herausfinden, dass sie verwandt sind, kommt es nach vielen Jahren zu einem Wiedersehen ihrer Mütter. Brit Bennetts Roman ist spannend erzählt und ein leidenschaftliches Plädoyer für Vielfalt und Akzeptanz, nicht nur in Sachen Hautfarbe. Rowohlt 2020

Der steinerne Engel Margaret Laurence

Hagar Shipley ist über 90 und keine angenehme Zeitgenossin: kratzbürstig, misstrauisch und undankbar macht sie ihrem Sohn Marvin („Trottel“) und seiner Frau Doris („dumme Trutsche“) das Leben schwer. Die beiden wohnen bei ihr im Haus und sie wehrt sich erbittert dagegen, ins Seniorenheim „Silberfaden“ umzuziehen, als ihre Kräfte schwinden. Schließlich flieht sie bei Nacht und Nebel ins Ungewisse. Die Reise wird auch zur Reise in die Vergangenheit: hinter ihr liegt ein mühseliges Leben voller, auch selbst verschuldeter Fehlschläge und ein tragisches Ereignis, das sie nie verkraftet hat. Fasziniert folgt man dem Gedankenstrom dieser unbequemen Frau bis zu seinem Ende.
In Kanada wird Margaret Laurence (1926 – 1987) in einem Atemzug mit Alice Munro und Margaret Atwood genannt – zu Recht! Eisele, 2020

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise Jean-Paul Dubois

Warum sitzt ein unauffälliger Mensch wie Paul Hansen im maroden Gefängnis von Montréal? Der in Frankreich aufgewachsene Sohn eines dänischen Pastors und einer Kinobesitzerin hatte schon einiges hinter sich, bevor er seine Berufung als Hausmeister in einer exklusiven Wohnanlage in Kanada fand. Ein Vierteljahrhundert lang lief alles rund, von der Heizungsanlage bis zum sozialen Miteinander, bis eines Tage ein neuer Verwalter das Sagen hatte. Er machte Paul das Leben zur Hölle und eines Tages brannte bei ihm die Sicherung durch.... Nun erträgt er mit stoischer Ruhe seinen Zellengenossen Patrick, einen furchteinflößenden Hells-Angels-Biker, der jedoch beim Anblick einer Maus in Panik gerät. Dabei lässt er sein Leben Revue passieren. Dubois hat einen melancholischen, lebensklugen und komischen Roman geschrieben, für den er 2019 den Prix Goncourt erhielt – ein großes Lesevergnügen! dtv 2020

Die Unschärfe der Welt Iris Wolff

Samuel kommt Anfang der 1970er-Jahre auf einem kleinen Pfarrhof im Banat zur Welt. Sein Vater Hannes betreut eine kleine, vorwiegend deutsche Kirchengemeinde, das Dorfleben ist aber durch ethnische Vielfalt geprägt und verläuft weitgehend harmonisch. Samuel ist still und zurückhaltend und fühlt sich am wohlsten bei den Frauen der Familie: Bei seiner schweigsamen Mutter Florentine und bei der Großmutter Karline, die eine geborene Geschichtenerzählerin ist. Außerdem fühlt er eine tiefe Verbundenheit mit Stana, seiner Freundin seit Kindertagen. Allerdings stellt sich heraus, dass ihr Vater als Spitzel beim rumänischen Geheimdienst arbeitet und zunehmend zur Bedrohung wird. Als schließlich auch Hannes zum Verhör einbestellt wird, beschließt Samuel zu fliehen...
In einer wunderbaren, wie schwebenden Sprache, die zugleich voller sinnlicher Details ist, erzählt Iris Wolff von Verlust und Neuanfang und von Verbundenheit über Grenzen hinweg. Es ist ein Roman zum Langsamlesen, es zählt jeder Satz. Er wurde 2020 für den Deutschen Buchpreis, für den Bayerischen Buchpreis und den Wilhelm-Raabe- Preis nominiert. Klett-Cotta 2020

Luftgänger Jewgeni Wodolaskin

2019 ist der Roman des 1964 geborenen russischen Schriftstellers Wodolaskin erschienen, der zu wenig Beachtung fand. Deshalb soll er hier empfohlen werden:
Ein Mann erwacht in einer Klinik, sorgsam von einem Arzt und einer Krankenschwester betreut. Er war in den 30er Jahren auf einer Gulag-Insel als Experiment eingefroren worden. Jetzt, Jahrzehnte später, ist er der erste Mensch, an dem das Auftauen gelungen ist. Schritt für Schritt findet er seine Identität wieder – oder nur seine Geschichte? Er ist so alt, wie das Jahrhundert, hat aber ca. 60 Jahre „geschlafen“. Wie kommt ihm die Vergangenheit im Vergleich zum heutigen Leben vor? Was ist für ihn „die Zeit“?
Es sind existentielle Fragen, es ist ein kurzer Gang durch das russische 20. Jahrhundert, es ist auch eine Liebesgeschichte. Und all das beinahe traumwandlerisch leicht und mit Poesie erzählt, ohne Kitsch und ohne Klamauk. Ein tolles Buch. Aufbau Verlag 2019

Jenseits der Erwartungen Richard Russo

Lincoln, Teddy und Mickey waren auf dem College eng befreundet. Nun treffen sie sich nach vielen Jahren wieder, auf der Insel Marthas Vineyard, wo Lincoln ein Ferienhaus besitzt. Sie tauschen sich über ihre unterschiedlichen Lebenswege aus: Lincoln ist Immobilienmakler geworden und hat als einziger eine Familie gegründet, Teddy ist Kleinverleger für religiöse Schriften und Mickey tourt als Musiker durch die Gegend. Schließlich kreisen die Gespräche um eine ganz bestimmte Erinnerung: Vor 44 Jahren waren sie schon einmal hier, gemeinsam mit Jacey, einer hinreißenden jungen Frau, in die alle drei verliebt waren. Doch nach jenem Wochenende war Jacey für immer spurlos verschwunden und alle Nachforschungen vergeblich. Was ist damals passiert? Mißtrauen schleicht sich ein: Weiß einer von den dreien vielleicht mehr als er zugibt?
Der Pulitzerpreisträger Richard Russo zeigt sich auch in seinem neuen Roman wieder als großer Erzähler und Menschenkenner. Voller Sympathie folgt man den Lebensgeschichten der drei Freunde, die sich oft genug „jenseits der Erwartungen“ entwickelt haben. DuMont 2020

Die Bagage Monika Helfer

Josef und Maria Moosbrugger leben mit ihren vier Kindern am Rand eines Bergdorfes in Vorarlberg. Sie sind die Abseitigen, die Armen, die Bagage. Dass Maria fast überirdisch schön ist, verstärkt ihr Außenseiterdasein noch. Als der erste Weltkrieg beginnt, wird auch Josef zur Armee eingezogen. Die Familie wird zunächst vom Bürgermeister mit Lebensmitteln unterstützt, doch der verfolgt dabei eigene Interessen. Josef kommt zwei Mal für wenige Tage heim, dann gehen bis zum Ende des Krieges nur noch kurze Briefe hin und her. Maria bekommt in dieser Zeit ein weiteres Kind, Margarethe, es ist die Mutter der Erzählerin. Doch der Vater wird nach seiner Heimkehr dieses Kind niemals anschauen und nie ein Wort mit ihm sprechen. Er ist überzeugt, nicht der Vater zu sein.
Monika Helfer verschränkt in ihrem schmalen Roman äußerst kunstvoll die Geschichte Marias mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Aber auch das Erleben der Kinder und ihre weitere Entwicklung wird eindrucksvoll beschrieben: Wie wirken sich die Beschädigungen in der Kindheit über die Jahre und sogar über Generationen hinweg aus? Dass die Autorin zudem für ihren „Dorfroman“ einen ganz eigenen Sprachstil entwickelt hat, macht ihn zu großer Kunst. Hanser 2020

Serpentinen Bov Bjerg

Ein Mann macht mit seinem 7-jährigen Sohn eine Reise zu den Orten seiner Kindheit. Der Junge genießt es, in Serpentinen über die Schwäbische Alb zu fahren; er ahnt nicht, was in seinem Vater vorgeht, dass es ein Ausflug ist, bei dem es um Leben und Tod geht. Der Ich-Erzähler hat sein ganzes Leben lang gegen ein Familienverhängnis angekämpft: Vater, Großvater und Urgroßvater haben sich umgebracht, nun hat auch ihn die Depression fest im Griff. In inneren „Serpentinen“ reist er durch Kindheit und Familiengeschichte, beide geprägt vom autoritären Erbe der Nazi-Vergangenheit und von der Sprachlosigkeit des „Familienblala“. Er will kein „Scheißvater“ sein wie sein eigener Vater, sieht keinen Ausweg und fasst einen düsteren Vorsatz.
In kurzen, staccatohaften und sehr eindringlich geschriebenen Passagen, die nach und nach einen ungeheuren Sog entwickeln, erzählt Bov Bjerg von einem bedrückenden familiären Erbe. Und sehr glaubwürdig auch davon, wie man ihm schließlich doch entkommen kann. Claassen 2020

West Carys Davies

Pennsylvania 1815. Cy Bellmann lebt mit seiner 10-jährigen Tochter Bess recht ärmlich von seiner Maultierzucht auf einer abgelegenen kleinen Farm. Da liest er eines Tages in der Zeitung von einem unglaublichen Fund in Kentucky: es handelt sich um riesige Tierknochen längst ausgestorbener Tiere. Cy ist überzeugt, dass diese Tiere noch leben und will sie unbedingt in der Wildnis finden – ein verrücktes Unterfangen, für das er alles auf‘s Spiel setzt. Er gibt seine Tochter in die Obhut seiner Schwester und reitet quer durch den Kontinent nach Westen. Ein junger Indianer, der traumatische Erfahrungen mit weißen Siedlern hinter sich hat, führt ihn den Missouri entlang. Kann er ihm trauen? Und wie geht es mit Bess weiter, die unter ihrer unfreundlichen Tante leidet und als einzige an das Vorhaben ihres Vaters glaubt?
Carys Davies erzählt eine verrückte Abenteuergeschichte; knapp, spannend und zugleich voller Poesie – mit einem furiosen Finale. Unbedingt lesenswert! Luchterhand 2019

Die langen Abende Elizabeth Strout

In der kleinen Stadt Crossby an der Küste von Maine lebt seit langem Olive Kitteridge, eine pensionierte Lehrerin, den Lesern von „Mit Blick aufs Meer“ bereits bekannt als scharfzüngiges Original. Sie sagt gerne unverblümt ihre Meinung und ist deshalb nicht bei allen beliebt. Inzwischen ist sie siebzig Jahre alt, fettleibig, verwitwet und ziemlich einsam. Genau wie Jack Kennison, ein ehemaliger Harvardprofessor, der beharrlich um sie wirbt. Es entwickelt sich nun aber keineswegs eine gefühlvolle Alters-Love-Story, sondern ein ziemlich pragmatisches, auch konfliktträchtiges und durchaus komisches Zusammenhalten angesichts von Einsamkeit, nachlassenden Kräften und der Furcht vor dem Sterben. Unsentimental und zugleich voller Verständnis erzählt Elizabeth Strout in ihrem episodischen Roman außerdem von einigen anderen Einwohnern von Crossby. Es sind unsichtbare familiäre Dramen, unvergessliche Geschichten, die bei aller Tragik zeigen, dass neue überraschende Erfahrungen immer wieder möglich sind – bis zuletzt. Luchterhand 2020

Klara vergessen Isabelle Autissier

Murmansk, nördlich des Polarkreises. Juri, ein amerikanischer Ornithologe, ist nach Jahrzehnten zum ersten Mal an seinen Geburtsort zurückgekehrt um seinen sterbenden Vater, Rubin, zu besuchen. Dieser hat einen Auftrag für ihn: Er soll herausfinden, was mit Rubins Mutter Klara, einer angesehenen Geologin, geschehen ist, die in der stalinistischen Ära kurz nach Kriegsende plötzlich verhaftet wurde und spurlos verschwand. Rubin war damals erst vier Jahre alt, über die Mutter durfte nie mehr gesprochen werden. Nur widerwillig beginnt Juri mit der Recherche: zu verhasst ist ihm der gewalttätige Vater, der ihm die Kindheit zur Hölle gemacht hat. Und von seiner Großmutter hat er nie gehört. Doch dann packt es ihn: die Spuren führen ihn durch verschiedene Archive und schließlich auf eine unwirtliche Insel im hohen Norden. Und ihm wird klar, wie eng alle drei Schicksale – Rubins, Klaras und sein eigenes – miteinander verflochten sind.
Mit großer Sachkenntnis und rauhem Realismus erzählt Isabelle Autissier eine verstörende Familiengeschichte, in der persönliches Versagen und der Schrecken des politischen Terrors nicht voneinander zu trennen sind. Mare 2020

Hier sind Löwen Katerina Poladjan

Die deutsche Buchrestauratorin Helen verbringt einige Wochen in Jerewan um eine alte armenische Familienbibel zu restaurieren. Außerdem soll sie auf Wunsch ihrer Mutter nach etwaigen armenischen Verwandten suchen. Rasch lebt sie sich ein, findet Freunde und beginnt eine komplizierte Affäre mit dem Sohn ihrer Chefin. Sie ist zunehmend fasziniert von einigen rätselhaften Kritzeleien und Ortsangaben in der alten Bibel und taucht tief ein in eine Geschichte von Verfolgung und Exil, die offenbar auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu tun hat. Katerina Polodjan, selbst Urenkelin eines Armeniers, erzählt in einer klaren und schönen Sprache ungemein lebendig und facettenreich von einer jungen Frau, die merkt, dass die leidvolle Geschichte ihrer Vorfahren bis in ihr eigenes Leben nachhallt. „Hier sind Löwen“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Fischer 2019

Der Sommer meiner Mutter Ulrich Woelk

Sommer 1969. Während auf den Straßen Kölns gegen den Vietnamkrieg demonstriert wird, fiebert der 11-jährige Tobias der ersten Mondlandung entgegen. Außerdem beobachtet er die zunehmende Entfremdung zwischen seinen Eltern. Als ins Nachbarhaus ein linkes und etwas flippiges Ehepaar mit ihrer 13-jährigen Tochter Rosa einzieht, kommt einiges in Bewegung. Die Mutter entwickelt unter dem Einfluss der Nachbarin plötzlich eigene berufliche Interessen, und Tobias lernt durch Rosa nicht nur die Popmusik kennen, sondern auch Berührungen und Gefühle, die fast so spannend sind wie die bevorstehende Mondlandung. Eines Tages macht Tobias eine folgenschwere Entdeckung, die diesem Sommer eine tragische Wendung gibt. Ulrich Woelk erzählt mit viel Feingefühl von einem Aufbruch, persönlich und politisch, der in einer familiären Katastrophe endet. „Der Sommer meiner Mutter“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. C.H.Beck 2019

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