Selberlesen oder Verschenken - dazu einige Tipps von uns.
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Töchter Lucy Fricke

Martha und Betty, seit Jahrzehnten beste Freundinnen, sind mit dem Auto auf dem Weg in die Schweiz. Auf dem Rücksitz Marthas todkranker Vater, der dort Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Allerdings stellt sich heraus, dass er vorher noch ein anderes Ziel hat: seine frühere Geliebte am Lago Maggiore. Dort will er erst mal bleiben. Die Freundinnen aber reisen weiter Richtung Rom, denn auch Betty hat ein Vaterproblem: Er, inzwischen verstorben, war Italiener und hat die Familie verlassen, als Betty noch ein Kind war. Nun will sie sein Grab in der Nähe von Rom aufsuchen und sich nach der Verwandtschaft erkundigen. Aber dort erlebt sie eine große Über- raschung. Geistreich und voller Komik erzählt Lucy Fricke von einer verrückten Reise, von abwesenden Vätern und enttäuschenden Müttern, von Frauen um die vierzig, die sich fragen, ob die Ideale von Selbstverwirklichung und Glücklichsein wirklich so unverzichtbar sind – wenn man eine Freundin hat, mit der man so herrlich über das Unglück lachen kann. Dieser Roman wurde für den Bayerischen Buchpreis 2018 nominiert. Rowohlt 2018

Ida Katharina Adler

Ein ungewöhnlicher Einblick: Psychoanalyse bei Sigmund Freud, aus der Sicht einer berühmten Patientin. Es handelt sich um den „Fall Dora“ (vgl Freud, Bruchstücke einer Hysterie-Analyse), in Wirklichkeit Ida Bauer, ein 18-jähriges Mädchen, die Urgroßmutter der Autorin. Allerdings bricht sie die „Redekur“ eigenmächtig nach knapp drei Monaten ab - zu absonderlich kommen ihr die Ansichten des Doktors vor. Wie geht es nun weiter mit Ida? Katharina Adler erzählt von ihrer Ehe mit einem erfolglosen Komponisten, von ihrem Versuch, sich mit einem Bridgesalon selbständig zu machen, von ihrem Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und gesehen zu werden – es ist das Portrait einer eigensinnigen und herben Frau, die in Beziehungen wenig Glück erfährt und um Selbstbe- stimmung ringt. Schließlich wirft der zunehmende Antisemitismus ihr Leben aus der Bahn. Sie verliert Besitz und gesellschaftlichen Status, und bald geht es ums nackte Überleben. „Ida“ ist nicht nur der packende Lebensroman einer widerspenstigen Frau, sondern beschreibt sehr eindrucksvoll das Schicksal einer wohlhabenden jüdischen Familie in der ersten Jahrhunderthälfte. Rowohlt 2018

Die kommenden Jahre Norbert Gstrein

Richard, ein Glaziologe, erforscht das Schwinden der Gletscher und ist beruflich viel unterwegs, seine Frau Natascha ist Schriftstellerin und mehr an menschlichen Angelegenheiten interessiert. Die beiden haben sich über die Jahre auseinandergelebt und nur noch wenig gemeinsam. Das wird deutlich, als Natascha trotz Richards Bedenken ihr abgelegenes Ferienhaus nahe Hamburg einer syrischen Flüchtlingsfamilie überlässt und dies auch öffentlichkeitswirksam in einem Video festhalten lässt. Es kommt zu fremdenfeindlichen und bedrohlichen Aktionen gegenüber den Syrern, was bei Natascha zu einem übertriebenen und schließlich verhängnisvollen Schutzverhalten führt, während Richard zunehmend Mißtrauen gegenüber dem syrischen Familienvater entwickelt. Ist er überhaupt, was er zu sein vorgibt? Norbert Gstrein, der in seinen Romanen häufig aktuelle Themen bearbeitet, fragt skeptisch nach den inneren Beweggründen unseres Verhaltens. Humanitärer Eifer oder Nichtstun – was treibt uns an? Ein sehr lesenswerter Beitrag in einer oft überhitzten Debatte. Hanser 2018

Kleine Feuer überall Celeste Ng

Die Richardsons sind eine ordentliche Familie in einer ordentlichen amerikanischen Kleinstadt. Die Mutter ist Journalistin, der Vater Anwalt, vier Kinder im Jugendalter. Alles läuft scheinbar bestens. Sie vermieten ihre Zweitwohnung an Mia, eine allein erziehende chaotische Künstlerin, die sich und ihre Tochter Pearl mit einfachen Jobs mühsam über Wasser hält und es nirgendwo lange aushält. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit kommen sich die Familien, vor allem die Kinder, rasch näher. Doch was so positiv beginnt, enthält ungeahnte Sprengkraft: zunehmend stellen die Töchter das Leben ihrer Mütter in Frage. In beiden Familien werden Lebenslügen aufgedeckt und es kommt zur Katastrophe. Spannend und mit viel Einfühlungsvermögen für ihre Figuren erstellt Celeste Ng ein Psychogramm zweier sehr unterschiedlicher Familien. dtv 2018

Asymmetrie Lisa Halliday

Mary-Alice, 27 Jahre alt und Assistentin in einer Literaturagentur, hat ein Verhältnis mit Esra, einem berühmten 70-jährigen New Yorker Schriftsteller. Er ist Philip Roth nachempfunden, mit dem Lisa Halliday vor vielen Jahren eine Affäre hatte. Es könnte ein reines Klischee sein: der alternde Schriftsteller mit seiner ihn bewundernden Muse. Aber so wird die Geschichte nicht erzählt, denn Mary-Alice bestimmt jederzeit selbst, welche Rolle sie übernehmen will. Außerdem hat sie selbst schriftstellerische Ambitionen; ihren eigenen Roman lesen wir im zweiten Teil des Buches. Aus der Ich-Perspektive wird die Geschichte von Amar, einem irakisch-amerikanischen Ökonomen erzählt, der auf einer Reise in den Irak im Londoner Flughafen festgehalten wird. Er gilt als „Gefährder“ und wird dort stundenlang verhört. In den Wartezeiten dazwischen rekapituliert er seine Familiengeschichte. Unglaublich, wie treffsicher Lisa Halliday in ihrem Debüt zwischen Erzählstilen und Erzählperspektiven wechseln kann um die „Asymmetrien“ zwischen Mann und Frau, Jung und Alt, weißem Amerikaner und muslimischem Migrant darzustellen. Hanser 2018

Tage mit Ora Michael Kumpfmüller

Der Ich-Erzähler, ein Soziologe, lernt die Kunstschneiderin Ora auf einer Hochzeitsparty kennen.
Sie fühlen sich zueinander hingezogen und beschließen, eine zweiwöchige Reise an der Westküste der USA zu unternehmen. Es soll offen bleiben, ob dabei eine Liebesbeziehung entsteht oder nicht. Denn jeder hat einiges an Seelengepäck mit dabei: beide haben eine Trennung hinter sich, beide nehmen dieselben Psychopharmaka um Ängste und Traurigkeit im Zaum zu halten. Kann das was werden? "Wir waren Zitterkinder. Wir nahmen Tabletten, und wir machten zusammen diese Reise, was ja hieß, dass alles Etappe war, ein lustvolles Stochern im Nebel und, wenn es gut ging, ein großer Spaß.“ Mit großer Leichtigkeit und zärtlichem Humor erzählt Michael Kumpfmüller von der Annäherung zweier komplizierter Menschen. Ist das eine Liebesgeschichte? Das entscheidet der Leser. Kiepenheuer & Witsch 2018

Und jeden Morgen das Meer Karl-Heinz Ott

Sonja, 62 Jahre alt und seit 30 Jahren zusammen mit ihrem Mann Bruno Chefin des „Lindenhof“, einem der Wie ist es, auf einen Schlag alles zu verlieren? Ehepartner, Arbeit und Zuhause? Genau das passiert angesagtesten Hotels am Bodensee. Nach dem Tod ihres Mannes stellt sich heraus, dass das Haus hoffnungslos verschuldet ist. Ihr Schwager erklärt sich bereit, es zu übernehmen unter der Bedingung, dass Sonja geht und auf alle Ansprüche verzichtet. Weit weg versucht sie einen Neuanfang; an der Küste von Wales übernimmt sie eine heruntergekommene Pension mit Bar, die nur selten Gäste hat. Auf ihren täglichen Spaziergängen an den Klippen entlang versucht sie innerlich zu ordnen, was ihr widerfahren ist. Ist es die absolute Katastrophe oder vielleicht auch eine neue Freiheit? Hat sie Erfolg mit Glück verwechselt? Und ist angesichts der Wucht des uralten Meeres ihr kleines Schicksal nicht bedeutungslos? Selten ist über das Unglück so nachdenklich und poetisch geschrieben worden. Hanser 2018

Ein Gentleman in Moskau Amor Towles

Graf Alexander Rostow ist 30 Jahre alt als er 1922 zu lebenslangem Hausarrest im Moskauer Luxushotel Metropol verurteilt wird. Bisher hat er dort eine Suite bewohnt, jetzt ist es eine Dienstbotenkammer. Als Gentleman alter Schule macht Alexander das Beste aus seiner Situation: mit vollendeten Manieren und liebenswürdigem Charme begegnet er jedem im Haus und nimmt schließlich die Stelle eines Kellners an. Sein Leben ändert sich dramatisch, als ihm eines Tages eine alte Freundin ihre kleine Tochter Nina anvertraut. Was als kurzfristige Notlösung gedacht war, wird zum Dauerzustand: das Mädchen wächst im Hotel auf und Alexander übernimmt die Verantwortung für sie. Welche Zukunft wird es für die beiden geben? Und wird Alexander das Hotel jemals wieder verlassen können?
Kaum vorstellbar, dass ein Roman, der ausschließlich im Mikrokosmos eines Hotels spielt, derart fesselnd ist, zudem humorvoll und mit viel Esprit erzählt. Zugleich ist es eine Zeitreise durch die Geschichte Moskaus, von der Zarenzeit bis zum Beginn des Kalten Krieges. Ein rundum gelungenes Buch. List 2017

Stellt euch vor, ich bin fort Adam Haslett

Die Ehe von John und Margaret steht von Anfang an unter einer schweren Belastung: John leidet phasenweise unter schweren Depressionen. Sie bekommen drei Kinder, jahrelang gelingt ihnen ein einigermaßen normales Familienleben. Doch eines Tages, die Kinder sind schon fast erwachsen, ist das „Ungeheuer“ wieder da. John verzweifelt und nimmt sich das Leben. Der Roman erzählt nun den weiteren Lebensweg von Margaret und ihren drei Kindern aus wechselnder Perspektive. Celia wird Sozialarbeiterin und scheut sich, selbst eine Familie zu gründen, Alec, der Journalist, braucht lange um einen Lebenspartner zu finden. Beide kümmern sich um Ihren älteren Bruder Michael, der offenbar die Veranlagung seines Vaters geerbt hat und unter schweren Angst- störungen leidet.
Ist die Familie eher Verhängnis oder ein Ort, der Hilfe und Halt verspricht? Darüber hat Haslett einen großen und erschütternden Familienroman geschrieben, der für mehrere Preise nominiert wurde. Rowohlt 2018

Heimkehren Yaa Gyasi

Die Schwestern Effia und Esi werden in Ghana im 18. Jahrhundert geboren. Die eine wird als Sklavin nach Amerika verkauft, die andere heiratet einen britischen Offizier, der die Verschiffung der Sklaven organisiert. Der Roman erzählt die Geschichte der Kinder und Kindeskinder dieser beiden Frauen. Jeweils kapitelweise wechselnd zwischen Amerika und Ghana wird bildmächtig und mit großer erzählerischer Kraft das facettenreiche System der Sklaverei beschrieben, an dem auch afrikanische Stammeshäuptlinge beteiligt waren, ein Aspekt, der wenig bekannt ist. Die vorerst letzten Nachkömmlinge der beiden Familien, Marjorie und Marcus leben im heutigen Amerika und lernen sich zufällig kennen. So schließt sich der Kreis.
Yaa Gyasi, die schon als Kind aus Ghana in die USA gekommen ist, hat sieben Jahre intensiv für diesen Roman recherchiert – unbedingt lesenswert! DuMont 2017

Der große Wahn Sebastian Faulks

Der Londoner Psychiater Robert Hendricks erhält eines Tages eine rätselhafte Einladung des 90-jährigen Neurologen Pereira, der auf einer kleinen Insel vor der französischen Küste lebt. Wie sich herausstellt, hat dieser Hendricks Vater gekannt, der im 1. Weltkrieg auf unklare Weise umgekommen ist. So wird die Reise zu einer Reise in die Vergangenheit, und Hendrick, der bisher sein Leben eher emotionsarm gelebt hat, wird mit intensiven Erinnerungen konfrontiert: an die vaterlose Kindheit, an seine eigenen Erlebnisse im Krieg und an die Italienierin „L“, seine große Liebe, die ihn damals so plötzlich verlassen hatte. Er erkundigt sich nach ihrem Aufenthaltsort und plant ein Wiedersehen. Wie wird das werden?
„Der große Wahn“ ist die meisterhaft erzählte Lebensgeschichte eines einsamen Mannes, verwoben mit einer eindringlichen Schilderung des Kriegsgeschehens im 20. Jahrhundert. Mare 2017

Ein feines Gespür für Schönheit J. David Simons

Edward, ein berühmter englischer Schriftsteller kehrt als alter Mann in jenes herrlich gelegene japanische Hotel zurück, in dem er 1950 seinen ersten Bestseller schrieb. Es war ein amerika- kritischer Roman über den Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, der für Furore sorgte. Im Hotel hatte er eine Liebesbeziehung zu dem Zimmermädchen Sumiko, die mit seiner Rückkehr nach England ihr Ende fand. In England nahm er dann das konfliktbeladene Verhältnis zu seiner früheren Freundin Macy, einer begabten Künstlerin, wieder auf.
Jetzt im Jahr 2003 macht er die Erfahrung: nichts von all dem ist wirklich vergangen. Er trifft Sumiko wieder und bekommt auch nochmals mit Macy zu tun, von der er längst getrennt ist. Vor allem aber wird er mit seinem eigenen Versagen konfrontiert.
Ein spannend und poetisch geschriebener Roman, dem man die Liebe des Autors zur japanischen Kultur abspürt. Europaverlag 2017

Acht Berge Paolo Cognetti

Mit elf Jahren kommt Pietro zum ersten Mal für die Ferien in das fast verlassene Bergdorf Grana im Aostatal. Rasch freundet er sich mit Bruno an, dem einzigen Kind im Dorf. Sommer für Sommer treffen sie sich wieder, streifen durch die Gegend und besteigen Berge. Später trennen sich ihre Wege: Bruno baut die Käserei seines Onkels wieder auf und gründet eine Familie, während Pietro als Dokumentarfilmer in die Welt hinaus zieht und ungebunden bleibt. Fast verlieren sie sich aus den Augen, da erbt Pietro von seinem verstorbenen Vater ein Grundstück bei Grana. Er kehrt für einen Sommer in die Berge zurück und baut mit Bruno die verfallene Almhütte auf dem Grundstück wieder auf. Ohne viel Worte wird die alte Freundschaft bekräftigt; beide ringen mit der Frage, ob der eingeschlagene Lebensweg der Richtige ist. „Acht Berge“ ist ein eindringliches und existentielles Buch über eine Männerfreundschaft und über die stille Kraft der Natur und der Berge. DVA 2017

Das Ministerium des äußersten Glücks Arundhati Roy

Zwanzig Jahre nach „Der Gott der kleinen Dinge“ hat Arundhati Roy ihren zweiten Roman vorgelegt. Ihr intensives politisches Engagement der letzten Jahre ist in dieses Buch eingeflossen, aber auch ihre literarische Kraft. Es ist eine mutige, schonungslose Bestandsaufnahme des modernen Indien, eine Geschichte, “von unten“ erzählt. Gegen politische Unterdrückung und Gewalt, gegen die korrupten Machtinteressen von Industrie und Politik und einzelner Kasten, gegen all die religiösen Kämpfe steht die Solidarität einer kleinen ausgegrenzten Gemeinschaft, die auf einem Friedhof in Delhi haust. Arundhati Roy schont den Leser nicht, ihr literarischer Stil rüttelt auf und bewahrt zugleich vor Hoffnungslosigkeit. Fischer 2017

Max Markus Orths

Markus Orths erzählt die Lebensgeschichte des Künstlers Max Ernst. Ein Leben geprägt vom unaufhaltsamen Drang Kunst zu machen. Wie war das trotz der schwierigen politischen Umstände zwischen den zwei Weltkriegen und im Exil möglich und welchen Einfluss hatten berühmte Freunde wie Pablo Picasso, André Breton, Peggy Guggenheim und andere auf den Künstler? Der Leser taucht wie in einem Film ein in das künstlerische Lebensgefühl dieser Zeit, geprägt von Leidenschaft, Liebe, Trennung und künstlerischer Schaffenskraft. Die vier wichtigsten Frauen im Leben von Max Ernst nehmen einen breiten Raum im Roman ein, denn sie ermöglichten ihm erst durch ihre emotionale oder auch finanzielle Unterstützung, für seine Kunst leben zu können. Hanser 2017

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