Selberlesen oder Verschenken - dazu einige Tipps von uns.
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Hier sind Löwen Katerina Poladjan

Die deutsche Buchrestauratorin Helen verbringt einige Wochen in Jerewan um eine alte armenische Familienbibel zu restaurieren. Außerdem soll sie auf Wunsch ihrer Mutter nach etwaigen armenischen Verwandten suchen. Rasch lebt sie sich ein, findet Freunde und beginnt eine komplizierte Affäre mit dem Sohn ihrer Chefin. Sie ist zunehmend fasziniert von einigen rätselhaften Kritzeleien und Ortsangaben in der alten Bibel und taucht tief ein in eine Geschichte von Verfolgung und Exil, die offenbar auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu tun hat. Katerina Polodjan, selbst Urenkelin eines Armeniers, erzählt in einer klaren und schönen Sprache ungemein lebendig und facettenreich von einer jungen Frau, die merkt, dass die leidvolle Geschichte ihrer Vorfahren bis in ihr eigenes Leben nachhallt. „Hier sind Löwen“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Fischer 2019

Der Sommer meiner Mutter Ulrich Woelk

Sommer 1969. Während auf den Straßen Kölns gegen den Vietnamkrieg demonstriert wird, fiebert der 11-jährige Tobias der ersten Mondlandung entgegen. Außerdem beobachtet er die zunehmende Entfremdung zwischen seinen Eltern. Als ins Nachbarhaus ein linkes und etwas flippiges Ehepaar mit ihrer 13-jährigen Tochter Rosa einzieht, kommt einiges in Bewegung. Die Mutter entwickelt unter dem Einfluss der Nachbarin plötzlich eigene berufliche Interessen, und Tobias lernt durch Rosa nicht nur die Popmusik kennen, sondern auch Berührungen und Gefühle, die fast so spannend sind wie die bevorstehende Mondlandung. Eines Tages macht Tobias eine folgenschwere Entdeckung, die diesem Sommer eine tragische Wendung gibt. Ulrich Woelk erzählt mit viel Feingefühl von einem Aufbruch, persönlich und politisch, der in einer familiären Katastrophe endet. „Der Sommer meiner Mutter“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. C.H.Beck 2019

Winterbienen Norbert Scheuer

Es ist das letzte Kriegsjahr in dem kleine Ort Kall in der Eifel. Egidius Arimond, ein entlassener Gymnasiallehrer, verdient seinen Lebensunterhalt notdürftig als Bienenzüchter. Sein Leben ist mehrfach gefährdet: er ist Epileptiker, immer schwieriger wird es für ihn, an die lebenswichtigen Medikamente zu kommen, seine Anfälle werden häufiger und schwerer. Außerdem ist er den Frauen verfallen und fängt ausgerechnet eine Affäre mit der Frau des NS-Kreisleiters an. Und das allergefährlichste: er betätigt sich als Fluchthelfer, indem er in präparierten Bienenkörben Juden über die belgische Grenze bringt. Unterdessen werden die Bombardements der Amerikaner immer heftiger...Norbert Scheuer zeichnet in Form eines Tagebuchs ein ungeheuer eindrucksvolles Porträt eines stillen, einsamen und zugleich eigenwilligen Mannes, der ohne viel Aufhebens dem Zeitgeist widersteht. „Winterbienen“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. C.H.Beck 2019

Ein feiner Typ Willy Vlautin

Der junge Horace, ein Halbindianer, der einen schlechten Start ins Leben hatte, hat Glück gehabt: seit einigen Jahren lebt und arbeitet er auf der Farm von Mr. Reese. Der ist ein grundgütiger alter Mann und behandelt ihn wie seinen Sohn. Dieser soll sogar später die Farm übernehmen. Doch Horace will hoch hinaus: Er will unbedingt Boxchampion werden und es allen zeigen. Mr. Reese lässt ihn schweren Herzens ziehen und Horace verspricht, eines Tages zurückzukehren. Unter harten Bedingungen kämpft er sich durch. Erfolg wechselt mit Niederlage – wird er es schaffen? Mr. Reese telephoniert gelegentlich mit ihm, doch irgendwann ist Horace spurlos verschwunden. Beunruhigt macht sich Mr.Reese auf die Suche.
Der amerikanische Traum, alles erreichen zu können, wenn man nur will, entwickelt sich in diesem großartigen und berührenden Roman zum Alptraum. Dass er trotzdem nicht deprimierend wirkt, liegt an dem unvergesslichen Mr.Reese, wirklich ein „feiner Typ“! Berlin 2019

Der Zopf meiner Großmutter Alina Bronsky

Diese Großmutter hat es in sich! In Russland soll sie eine gefeierte Tänzerin gewesen sein, jetzt lebt sie mit ihrem Mann und dem Enkel Max in einem Flüchtlingsheim in Deutschland. Dort hat sie Mann und Enkel fest im Griff. Vor allem will sie Max vor den schädlichen Einflüssen der neuen Heimat beschützen: vor ungesunden Nahrungsmitteln, vor dem deutschen Schulsystem, vor gefährlichen Betätigungen und dem eigenen Vater. Nur den Klavierunterricht erlaubt sie, doch die Klavierlehrerin ist nicht so harmlos wie es scheint. Fast könnte die Matriarchin ins Wanken geraten... Die ganze Geschichte wird aus der Sicht von Max erzählt, der sich erstaunlich robust durch den Irrsinn der Erwachsenen hindurchlaviert.
Alina Bronsky, selbst in den Neunzigerjahren aus Russland eingewandert, erzählt furios und mit bösem Witz von eigenwilligen und zugleich liebenswerten Charakteren, deren Leben nicht ohne Tragik ist. Kiepenheuer und Witsch 2019

Herkunft Sasa Stanisic

Sasa Stanisic versucht in seinem autobiografisch geprägten Roman seine Herkunft zu definieren. Anlass ist die zunehmende Demenz seiner Großmutter mit der er an die Orte ihrer gemeinsamen Vergangenheit, ins ehemalige Jugoslawien, reist. Er sammelt Erinnerungen, wobei seine Großmutter ihre verliert. Doch auf seine Frage, wo sie zu Hause sei, antwortet sie: „Es zählt nicht…woher man ist. Es zählt, wohin du gehst. ..Schau mich an: ich weiß weder, woher ich komme, noch wohin ich gehe. Und ich kann dir sagen: Manchmal ist das gar nicht so schlecht.“ (S.327). Stanisic schreibt über Ereignisse, die sein Leben geprägt haben, so dass sich die Herkunft nicht nur allein am Geburtsort festmachen lässt. Humorvoll, aber auch anrührend erzählt er von seiner Kindheit, seiner Jugend in Deutschland und dem Verhältnis zu seinen Verwandten. Dabei entsteht kein eng umrissenes Selbstportrait. Die Erlebnisse sind wie Puzzleteile, die sich auch anders hätten zusammensetzen können. Ein Buch das den Kopf frei macht vom Denken in engen regionalen Grenzen. Luchterhand 2019

Wo wir waren Norbert Zähringer

In der Nacht des 20.Juli 1969 verfolgt alle Welt gebannt am Fernseher, wie Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betritt. In dieser Nacht gelingt dem fünfjährigen (vermeintlichen) Waisenjungen Hardy die Flucht aus dem Heim, in dem er seit seiner Geburt gelebt hat. In derselben Nacht flüchtet eine Frau auf ganz andere Weise: als Giftmörderin zu lebenslänglicher Haft verurteilt, macht sie einen Selbstmordversuch, wird aber gerettet und vorerst in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Es ist Hardys Mutter, die dort einem verständnisvollen Arzt von ihrem gescheiterten Leben erzählt. Hardys abenteuerliches Leben wiederum führt um die halbe Welt bis nach Amerika. Eine Erfolgsgeschichte?
„Wo wir waren“ erzählt spannend und zugleich nachdenklich davon, wie unsere Lebensgeschichten stets verknüpft sind mit der politischen Geschichte und dem Schicksal unserer Vorfahren. Und welche Rolle der Zufall oft spielt. Rowohlt 2019

Gun Love Jennifer Clement

Seit ihrer Geburt lebt die vierzehnjährige Pearl zusammen mit ihrer Mutter Margot in einem Auto am Rande eines Trailerparks irgendwo in Florida. Die Mutter arbeitet als Putzhilfe in einem Veteranenkrankenhaus.Trotz der prekären sozialen Umstände vermisst sie nichts: ihre Mutter umsorgt sie liebevoll und die Bewohner der Wohnwagen sind ihre Familie. Dass im gesamten Trailerpark Waffen allgegenwärtig sind und schon Kinder mit Pistolen spielen, gehört zu ihrem normalen Alltag. Dann taucht Eli auf, ein Mann, der sofort Gefahr und Unheil ausstrahlt und im Waffenschmuggel tätig ist. Als sich Margot Hals über Kopf in ihn verliebt, bahnt sich eine Katastrophe an und Pearls Weltordnung bricht zusammen.
Jennifer Clement gelingt eine herzzerreissende Mutter-Tochter-Geschichte in einer betörend schönen Sprache. Zugleich ist der Roman eine leidenschaftliche Kritik am heutigen waffen- starrenden Amerika. Suhrkamp 2019

Töchter Lucy Fricke

Martha und Betty, seit Jahrzehnten beste Freundinnen, sind mit dem Auto auf dem Weg in die Schweiz. Auf dem Rücksitz Marthas todkranker Vater, der dort Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Allerdings stellt sich heraus, dass er vorher noch ein anderes Ziel hat: seine frühere Geliebte am Lago Maggiore. Dort will er erst mal bleiben. Die Freundinnen aber reisen weiter Richtung Rom, denn auch Betty hat ein Vaterproblem: Er, inzwischen verstorben, war Italiener und hat die Familie verlassen, als Betty noch ein Kind war. Nun will sie sein Grab in der Nähe von Rom aufsuchen und sich nach der Verwandtschaft erkundigen. Aber dort erlebt sie eine große Über- raschung. Geistreich und voller Komik erzählt Lucy Fricke von einer verrückten Reise, von abwesenden Vätern und enttäuschenden Müttern, von Frauen um die vierzig, die sich fragen, ob die Ideale von Selbstverwirklichung und Glücklichsein wirklich so unverzichtbar sind – wenn man eine Freundin hat, mit der man so herrlich über das Unglück lachen kann. Dieser Roman wurde für den Bayerischen Buchpreis 2018 nominiert. Rowohlt 2018

Ida Katharina Adler

Ein ungewöhnlicher Einblick: Psychoanalyse bei Sigmund Freud, aus der Sicht einer berühmten Patientin. Es handelt sich um den „Fall Dora“ (vgl Freud, Bruchstücke einer Hysterie-Analyse), in Wirklichkeit Ida Bauer, ein 18-jähriges Mädchen, die Urgroßmutter der Autorin. Allerdings bricht sie die „Redekur“ eigenmächtig nach knapp drei Monaten ab - zu absonderlich kommen ihr die Ansichten des Doktors vor. Wie geht es nun weiter mit Ida? Katharina Adler erzählt von ihrer Ehe mit einem erfolglosen Komponisten, von ihrem Versuch, sich mit einem Bridgesalon selbständig zu machen, von ihrem Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und gesehen zu werden – es ist das Portrait einer eigensinnigen und herben Frau, die in Beziehungen wenig Glück erfährt und um Selbstbe- stimmung ringt. Schließlich wirft der zunehmende Antisemitismus ihr Leben aus der Bahn. Sie verliert Besitz und gesellschaftlichen Status, und bald geht es ums nackte Überleben. „Ida“ ist nicht nur der packende Lebensroman einer widerspenstigen Frau, sondern beschreibt sehr eindrucksvoll das Schicksal einer wohlhabenden jüdischen Familie in der ersten Jahrhunderthälfte. Rowohlt 2018

Die kommenden Jahre Norbert Gstrein

Richard, ein Glaziologe, erforscht das Schwinden der Gletscher und ist beruflich viel unterwegs, seine Frau Natascha ist Schriftstellerin und mehr an menschlichen Angelegenheiten interessiert. Die beiden haben sich über die Jahre auseinandergelebt und nur noch wenig gemeinsam. Das wird deutlich, als Natascha trotz Richards Bedenken ihr abgelegenes Ferienhaus nahe Hamburg einer syrischen Flüchtlingsfamilie überlässt und dies auch öffentlichkeitswirksam in einem Video festhalten lässt. Es kommt zu fremdenfeindlichen und bedrohlichen Aktionen gegenüber den Syrern, was bei Natascha zu einem übertriebenen und schließlich verhängnisvollen Schutzverhalten führt, während Richard zunehmend Mißtrauen gegenüber dem syrischen Familienvater entwickelt. Ist er überhaupt, was er zu sein vorgibt? Norbert Gstrein, der in seinen Romanen häufig aktuelle Themen bearbeitet, fragt skeptisch nach den inneren Beweggründen unseres Verhaltens. Humanitärer Eifer oder Nichtstun – was treibt uns an? Ein sehr lesenswerter Beitrag in einer oft überhitzten Debatte. Hanser 2018

Kleine Feuer überall Celeste Ng

Die Richardsons sind eine ordentliche Familie in einer ordentlichen amerikanischen Kleinstadt. Die Mutter ist Journalistin, der Vater Anwalt, vier Kinder im Jugendalter. Alles läuft scheinbar bestens. Sie vermieten ihre Zweitwohnung an Mia, eine allein erziehende chaotische Künstlerin, die sich und ihre Tochter Pearl mit einfachen Jobs mühsam über Wasser hält und es nirgendwo lange aushält. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit kommen sich die Familien, vor allem die Kinder, rasch näher. Doch was so positiv beginnt, enthält ungeahnte Sprengkraft: zunehmend stellen die Töchter das Leben ihrer Mütter in Frage. In beiden Familien werden Lebenslügen aufgedeckt und es kommt zur Katastrophe. Spannend und mit viel Einfühlungsvermögen für ihre Figuren erstellt Celeste Ng ein Psychogramm zweier sehr unterschiedlicher Familien. dtv 2018

Asymmetrie Lisa Halliday

Mary-Alice, 27 Jahre alt und Assistentin in einer Literaturagentur, hat ein Verhältnis mit Esra, einem berühmten 70-jährigen New Yorker Schriftsteller. Er ist Philip Roth nachempfunden, mit dem Lisa Halliday vor vielen Jahren eine Affäre hatte. Es könnte ein reines Klischee sein: der alternde Schriftsteller mit seiner ihn bewundernden Muse. Aber so wird die Geschichte nicht erzählt, denn Mary-Alice bestimmt jederzeit selbst, welche Rolle sie übernehmen will. Außerdem hat sie selbst schriftstellerische Ambitionen; ihren eigenen Roman lesen wir im zweiten Teil des Buches. Aus der Ich-Perspektive wird die Geschichte von Amar, einem irakisch-amerikanischen Ökonomen erzählt, der auf einer Reise in den Irak im Londoner Flughafen festgehalten wird. Er gilt als „Gefährder“ und wird dort stundenlang verhört. In den Wartezeiten dazwischen rekapituliert er seine Familiengeschichte. Unglaublich, wie treffsicher Lisa Halliday in ihrem Debüt zwischen Erzählstilen und Erzählperspektiven wechseln kann um die „Asymmetrien“ zwischen Mann und Frau, Jung und Alt, weißem Amerikaner und muslimischem Migrant darzustellen. Hanser 2018

Tage mit Ora Michael Kumpfmüller

Der Ich-Erzähler, ein Soziologe, lernt die Kunstschneiderin Ora auf einer Hochzeitsparty kennen.
Sie fühlen sich zueinander hingezogen und beschließen, eine zweiwöchige Reise an der Westküste der USA zu unternehmen. Es soll offen bleiben, ob dabei eine Liebesbeziehung entsteht oder nicht. Denn jeder hat einiges an Seelengepäck mit dabei: beide haben eine Trennung hinter sich, beide nehmen dieselben Psychopharmaka um Ängste und Traurigkeit im Zaum zu halten. Kann das was werden? "Wir waren Zitterkinder. Wir nahmen Tabletten, und wir machten zusammen diese Reise, was ja hieß, dass alles Etappe war, ein lustvolles Stochern im Nebel und, wenn es gut ging, ein großer Spaß.“ Mit großer Leichtigkeit und zärtlichem Humor erzählt Michael Kumpfmüller von der Annäherung zweier komplizierter Menschen. Ist das eine Liebesgeschichte? Das entscheidet der Leser. Kiepenheuer & Witsch 2018

Und jeden Morgen das Meer Karl-Heinz Ott

Sonja, 62 Jahre alt und seit 30 Jahren zusammen mit ihrem Mann Bruno Chefin des „Lindenhof“, einem der Wie ist es, auf einen Schlag alles zu verlieren? Ehepartner, Arbeit und Zuhause? Genau das passiert angesagtesten Hotels am Bodensee. Nach dem Tod ihres Mannes stellt sich heraus, dass das Haus hoffnungslos verschuldet ist. Ihr Schwager erklärt sich bereit, es zu übernehmen unter der Bedingung, dass Sonja geht und auf alle Ansprüche verzichtet. Weit weg versucht sie einen Neuanfang; an der Küste von Wales übernimmt sie eine heruntergekommene Pension mit Bar, die nur selten Gäste hat. Auf ihren täglichen Spaziergängen an den Klippen entlang versucht sie innerlich zu ordnen, was ihr widerfahren ist. Ist es die absolute Katastrophe oder vielleicht auch eine neue Freiheit? Hat sie Erfolg mit Glück verwechselt? Und ist angesichts der Wucht des uralten Meeres ihr kleines Schicksal nicht bedeutungslos? Selten ist über das Unglück so nachdenklich und poetisch geschrieben worden. Hanser 2018

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