Georgien – Gastland bei der Frankfurter Buchmesse 2018

Georgien, ein Land so groß wie Bayern, mit rund 26 verschiedenen Volksgruppen, rückt nicht nur touristisch immer mehr in den europäischen Blick, sondern kommt uns nun literarisch in vielen Übersetzungen entgegen, platzt aus allen Nähten. Dass so viele Autorinnen und Autoren beinahe wie aus dem Nichts auftauchen (bisher kannte man hier v.a. „Das achte Leben“ von Haratischwili) kann man nur damit erklären, dass die Literatur in Georgien schon seit frühester Zeit sehr geschätzt und bis heute ihre wunderschöne Schrift mit eigenem Alphabet, ihre Sprache, bewahrt wurde.

Ich habe versucht, aus der großen Flut der in diesem Jahr erschienenen Bücher einige für Sie herauszufischen (was aber keinerlei Werteranking auch gegenüber den nicht genannten bedeuten soll). Sie werden in den ersten Oktoberwochen bei uns ein Schaufenster voller georgischer Bücher zur Auswahl finden und für besonders Interessierte haben wir auch einen ausführlichen Katalog des georgischen Bookcenters parat.

Versprechen kann man eine ungeheure Vielfalt an literarischen Formen und Themen. Große Epen und kleine Alltagsgeschichten, Gewitztes und Tragisches… Bei den meisten Autorinnen und Autoren spürt man förmlich, wie sie für ihr Land und die Literatur begeistert sind. Schauen Sie doch mal in das eine oder andere Buch.



- Wer sich nicht für ein bestimmtes Buch entscheiden kann, ist mit einer der hervorragenden Anthologien gut bedient:

Georgien. Eine literarische Reise.

Frankfurter Verlagsanstalt 2018
Diese vom Goetheinstitut und Nino Haratischwili herausgegebene Sammlung ist eine tolle Idee:
Sechs deutsche und sechs georgische Autorinnen/Autoren wurden jeweils als ein Literatenpaar in eines der sechs Landesteile geschickt und jeder beschreibt nun die Eindrücke. Zugleich also auch eine erste geografische Annäherung nebenbei. Hübsch illustriert.


Georgien. Eine literarische Einladung.

Wagenbach Verlag 2018
Gut gemachtes Lesebuch mit Textauszügen älterer und gegenwärtiger georgischer und internationaler Autorinnen/Autoren. Dazu viele Schwarz-Weiss-Fotografien.


Zug nach Tbiblissi. Ein Lesebuch. 

Suhrkamp 2018
Gedichte, Prosa, Sachtexte georgischer und internationaler Autoren über die Vielfalt und Geschichte der georgischen Hauptstadt.


Bittere Bonbons. Georgische Geschichten.

Editionfünf 2018
13 jüngere georgische Autorinnen erzählen aus dem heutigen Georgien.


- Kommen wir nun zu Büchern einzelner Autorinnen und Autoren:

Ruska Jorjoliani: Du bist in einer Luft mit mir

Edition Blau 2018
Die 1985 in Georgien geborene Autorin lebt seit 2007 in Italien und schreibt inzwischen auf italienisch. Nach einem Gedichtband hat sie jetzt einen wunderbar literarischen kleinen Roman vorgelegt. Er springt über drei Generationen von jeweils zwei Freunden vor und zurück. Mal in Georgien, mal in Russland. Letztlich geht es immer um Fragen der menschlichen Existenz und des Miteinanders in schwierigen politischen Zeiten. Jorjoliani spielt dabei mit verschiedenen literarischen Formen, den roten Faden zieht ein alter Bibliothekar. Mein Lieblingsbuch.


Aka Morchiladze: Reise nach Karabach

Weidle Verlag 2018
Der Autor, der in Georgien schon viele Romane veröffentlicht hat, wird hier mit dem 1992 entstanden Roman eingeführt. Ein Roadmovie in einem Jahr des Chaos. Der Präsident ist geflohen, alles in Aufruhr und Bewegung. Auch in den angrenzenden Ländern Armenien und Aserbaidschan kämpft jeder gegen jeden. Giuschki, immerhin Besitzer eines Ladas, wird von Freund Gogliko zu einer Fahrt über die Grenze überredet, um günstig Drogen einzukaufen. Giuschki erzählt die lebensbedrohliche Fahrt schnoddrig, salopp, und man lässt sich als Leser zunehmend darauf ein.


Tamar Tandaschwili: Löwenzahnwirbelsturm in Orange

Residenz Verlag 2018
In diesem Roman erzählt die Therapeutin Eka (auch die Autorin ist Psychologin) in kurzen Episoden von vielen Personen ihrer Stadt und Verwandtschaft. Dabei entsteht eine knappe Analyse der georgischen Gesellschaft. Das korrupt Patriarchale, Machtlüsterne, das Homophobe...Aber auch von toten Kindern, die gar nicht viel Zeit zum Leben hatten, ist die Rede. Menschen, die sich in Psychosen flüchten, werden in zum Teil eindringlichen Bildern und Geschichten dargestellt. Dieser kurze Roman ist ein starkes Stück Literatur.


Otar Tschiladse: Der Korb

Matthes&Seitz Verlag 2018
Dieses 2002 erschienene Werk des großen (2009 verstorbenen) georgischen Autors ist kein Roman zum „Weglesen“. Er ist von epischer Wucht mit Zeitsprüngen, magischem Realismus, mythischen Anspielungen und psychoanalytischen Ausdeutungen diverser Vorgänge (z.B. Vatermord).
Im Wesentlichen spielt der Roman in den krisenreichen 1990-iger Jahren. Ein Korb ist der Ausgangspunkt: aber ihm entsteigt kein Moses, der sein Volk in die große Freiheit führt, sondern der „Urvater“ einer Dynastie, der es nur um Macht geht. Größe und Sittenverfall eines Landes werden analysiert. Bewundernswert auch die ungemein differenziert geschilderten Frauenfiguren.


Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld

Suhrkamp Verlag 2018
Der erste Roman der bekannten georgischen Filmemacherin („Die langen hellen Tage“, „Meine glückliche Familie“) hat es in sich: Dasein, fokussiert auf ein georgisches Kinderheim in den 90-iger Jahren am Stadtrand von Tiflis. Kein dramatischer Fallbericht, sondern Leben, wie es in einem armen Heim so ist. Die Jugendliche Lela ist die Protagonistin, um die sich alles schart, denn sie stärkt vielen den Rücken, ohne dabei zimperlich zu sein. Hoffnungen, Ängste, Verletzungen, Lachen und Weinen… alles da. Der Junge Irakli, ein Schützling von Lela, erhält die Chance, durch Adoptiveltern nach Amerika zu gelangen. „So weit ist noch keiner von hier gekommen“, sagt eine alte Angestellte. „Doch“, sagt der als debil geltende Störenfried Wewana, „der Sergo“. Dieser Junge war Wochen zuvor von einem Auto überfahren worden.


Dawit Kldiaschwili: Samanischwilis Stiefmutter

Dörlemann Verlag 2018
In dem kleinen 1896 geschriebenen Roman wird man ins teilweise sehr ärmliche Landleben der Zeit eingeführt, weit weg von jeder Stadt. Hauptfigur dieser Tragikomödie ist Platon, der sehr in Unruhe geraten ist, denn sein verwitweter Vater will wieder heiraten. Platon fürchtet Nachwuchs und damit eine Teilung vom Erbe. Also gilt es für den Vater eine Frau zu finden, die ziemlich sicher keine Kinder bekommen kann… Netter kleiner Roman.


Archil Kikodze: Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann

Ullstein Verlag 2018
Auch in dieser langen Erzählung sind wir weitgehend auf dem Land, nahe der aserbaidschanischen Grenze. Der Ich-Erzähler verdient seinen Lebensunterhalt als Touristen-Führer, v.a. für Birdwatching. Hier ist er mit einem sehr alten Engländer unterwegs, weltgewandter und viel gereister Vertreter einer mächtigen Nation. Und dagegen er aus dem armen gebeutelten Georgien. In den Gesprächen prallen diese Welten offen oder versteckt aufeinander. Dann sind wieder die Vögel im Vordergrund. Und es werden viele kleine Geschichten erzählt von den Leuten, denen man begegnet. Ein schön erzähltes kleines Stück Georgien wird sichtbar.


Davit Gabunia: Farben der Nacht

Rowohlt Verlag 2018
Junger Vater, arbeitslos, der sich um Kind und Haushalt kümmert, während seine Frau einem sehr viel Zeit fordernden Beruf nachgeht, bemerkt eines nachts im Wohnblock gegenüber einen neuen jungen Mieter, der häufig spät nachts Besuch von einem älteren Herrn bekommt. Da immer Licht brennt und keine Vorhänge zugezogen werden, kann er die Liebesbegegnungen genau verfolgen. Dieses Beobachten wird zur Obsession, v.a. als er schon bald erkennt, dass der ältere Liebhaber einer der ganz Oberen im Überwachungs-/Sicherheitsamt ist…

Impressum | Datenschutz